FF-Chronik

Emanzipation in Stollen und Stutzen
Die Geschichte des Frauenfußballs ist lang und mindestens so "puckelig" wie unser Rasen in Scheidingen. Viele Jahre hatte Fußball allein als Kampfsport und maskulines Bekenntnis gegolten. An einer Gleichheit vor dem Ball war nicht zu denken.

Das Spielfeld - das Schlachtfeld - war eine Kampfzone für Männer, die es über Jahrzehnte für sich besetzten und mit allen Mitteln verteidigten.

Dabei ist historisch gesehen das Fußballspiel der Männer gar nicht so viel älter als das der Frauen. Nur knapp zwanzig Jahre nach der Gründung der englischen Football Association (F.A.) berichtet die schottische Presse 1881 erstmals über einen Fußballwettkampf zweier Frauenteams, der nach den modernen Fußballregeln, den "Association Rules" ausgetragen wurde.

Während des ersten Weltkriegs und in den Jahren danach wird Frauenfußball vor allem in England populär: Die klassische Rollenverteilung ist durchbrochen. Während die Männer in den Krieg abkommandiert sind, verrichten Frauen Fabrik- und Feldarbeiten. So entwickelt sich ein neues Solidargefüge.

Gekickt wird in sogenannten "Wohltätigkeitsspielen", deren Einnahmen caritativen Zwecken dienen.



 

Das legendäre Team der "Dick Kerr`s Ladies" lockt über 50.000 (!) Zuschauer in die Stadien. Ein wahrer Frauenfussballboom setzt ein, bis es den Herren der F.A. im Jahr 1921 zu bunt wird. Wegen angeblich finanzieller Unregelmäßigkeiten verbietet der Verband seinen Vereinen, ihre Plätze für Frauen zu öffnen.
Und was passierte in Deutschland? Hier entwickelte sich eine Massenbegeisterung für den modernen Sport. Viele Sportparks und Arenen entstehen. Sport wird erstmals öffentlich gefördert und Fußball wird zum "Event". Sportive Aufbruchstimmung herrscht auch unter den Frauen, denen dank der Weimarer Verfassung ein gleichberechtigter Zugang zum öffentlichen Leben gewährt wird.



 

Geprägt von selbstbewussten Emanzipationsstreben entdecken sie auch sogenannte "Männersportarten" für sich und gehen fortan in Radrennen, Skispringen und Langstreckenlauf an den Start. Im Jahr 1930 berichtet die Frankfurter Illustrierte über die Gründung des ersten Damenfußballklubs Deutschlands. Eine Sensation, die - so heißt es - einen Sturm der Entrüstung hervorruft.

Nicht die Liebe zum Fußball, sondern die Idee, die Frauenrechte auch öffentliche zu demonstrieren, bewegte die Gründerin Lotte Specht. Zum Entsetzen des Vaters, eines Metzgers, versammelte sie rund 40 Mitstreiterinnen um sich. Als Schutz vor Kopfbällen trugen die Frauen Baskenmützen, doch während ihr Eifer mit jeder Trainingseinheit wuchs, reagiert die Öffentlichkeit empört.

"Sumpffragetten" und "Mannweiber" werden die Pionierinnen angefeindet. Auf sie wird mit Steinen geworfen und die Presse ergötzt sich darin, die Spielerinnen durch den Kakao zu ziehen. Die reißerische Hetzjagd sollte ihren Erfolg nicht verfehlen: Nach einem Jahr ziehen die Frankfurter Fußballdamen den Spielabbruch einer Steinigung auf Raten vor.
Dass der Traum vom Frauenfußball scheitern muss, liegt für fast alle Zeitgenossen in der Natur der Sache. Genauer: in der Natur der Frau. Allerorten wird Fußball als Kampfsport definiert. "Der Fußball birgt alle Merkmale des Gemeinschaftskampfes", schreibt Richard Girulatis 1919 im ersten systematischen deutsche Fußball-Buch. Der Kampf wird als Männerklasse deklariert und gilt der Frau als "wesensfremd".

"Das schwache Geschlecht dürfe auf keinen Fall durch falsche oder übertriebene Sportausübung vermännlichen", warnen die Gynäkologen, "zumal eine Frau dann wegen ihres deformierten Beckens für den Mutterberuf nicht in Frage käme".
Die Nationalsozialisten verschärfen dieses Bild. Sie reduzieren den Frauensport auf den Erhalt der Gebärfreudigkeit. Der Frauenfußball wird verboten, denn, so heißt es in der DFB-Pressemitteilung vom 5. März 1936, eine Ausübung des "männlichen Kampfsports Fußball" sei unvereinbar mit der "Würde der Frau".

Aufgrund der großen Anstrengungen müsse die Frau vor sich selbst geschützt werden. Es gilt, das völkische Bild der dienenden Ehefrau und Mutter zu erfüllen.
Erst zwanzig Jahre später schlüpfen die Frauen, ermutigt durch das "Wunder von Bern", wieder in Fußballschuhe. Doch auch wenn sich die Zeiten geändert haben, die Argumente gegen Frauenfußball fußen auf alte Traditionen. Das starke Geschlecht diktiert den Lebensraum: Küche, Kind und Kirche soll das Leben einer Frau erfüllen.
1953 untermauert eine psychpologische Studie, dass das Fußballspiel eine Demonstration der Männlichkeit sei.

Das Treten gegen den Ball sei Ausdrück "männlicher Aggression". Ohnehin sei das Treten wohl eher spezifisch männlich. Ob dagegen das Getretenwerden (!) weiblich sei, bleibt unbeantwortet. Für den Autor der Studie aber steht fest: Jedenfalls ist das Nicht-Treten weiblich!

1955 berät der Deutsche Fußballbund über die Zulassung von Damenfußballabteilungen. Die Wächter der männlichen Fußbalherrlichkeit geraten mächtig ins Wanken.
Erwachsene Frauen werden wie kleine Jungs behandelt: Das Spiel dauert 2x30 Minuten, (Schutz-)Handspiel ist nahezu in jeder Situation erlaubt und Stollenschuhe werden verboten. Ohnehin bemerken die Gesetzgeber, dass die Füße der Frauen zu klein für einen gewöhnlichen Ball sind und verordnen das Spiel mit einem Jugend-Ball. Zum vermeintlichen Schutz entfachen die Herren der Fußballschöpfung sogar die Diskussion um die Einführung von Brustpanzern.

Panzer und Sonderregeln sind heute zum Glück kein Thema mehr. Aber noch immer kämpfen die Frauen für ihren Sport. Und der Trend geht voran: die Fußball-Weltmeisterschaften 1999 in den USA bescherten dem Sport nicht nur volle Stadien, sondern Bill Clinton auch "das aufregenste Erlebnis meines Lebens". Der Internationale Fußballverband wagt sogar die Prognose: "Die Zukunft des Fußballs ist weiblich".

Das aber sind große Worte und ein noch größeres Wunschdenken. Es bleibt dabei: Frauenfußball ist mit Männerfußball so wenig zu vergleichen, wie Frauentennis mit Männertennis. Während das Spiel der Männer aber immer kampfbetonter wird, steht die Spielidee des Fußballs vielleicht gerade wirklich am Scheideweg der Geschlechter.